Online-Seminar: was dahintersteckt, wenn plötzlich alle von Webinaren reden
Letzte Woche saß ich mit einem Kunden in einem Café, und als das Gespräch auf Weiterbildung kam, sagte er einen Satz, den ich in den letzten Monaten auffällig oft höre: „Ich buche nur noch online." Nicht, weil er sparsam wäre. Sondern weil er zweimal in einem Jahr quer durch die Republik zu einem Präsenzseminar gefahren ist und beide Male nach der zweiten Pause das Gefühl hatte, eigentlich nur für die Kaffeepausen und den Austausch in der Mittagspause gekommen zu sein.
Das ist der Kern der Sache. Ein Online-Seminar ist kein Ersatz für ein Präsenzseminar. Es ist ein anderes Format mit anderen Stärken, anderen Fallen und einer ganz eigenen Ökonomie.
Wichtige Erkenntnisse
- Ein Online-Seminar ist live oder aufgezeichnet, aber der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Aufmerksamkeitskurve der Teilnehmenden.
- Die Schreibweise schwankt: „Online-Seminar" mit Bindestrich, „Onlineseminar" zusammengeschrieben, „Online Seminar" getrennt. Alle drei begegnen Ihnen.
- Kostenlose Angebote sind fast immer Marketing-Funnel. Das ist nicht verwerflich, aber Sie sollten es wissen, bevor Sie sich anmelden.
- Ein Zertifikat sagt nur dann etwas aus, wenn der Anbieter eine Prüfung durchführt. Sonst ist es eine Teilnahmebestätigung.
- Für Führungskräfte-Trainings funktioniert das Format nur mit kleiner Gruppe und eingeschalteter Kamera.
Was genau ist ein Online-Seminar — und was nicht?
Die Grenzen verschwimmen, weil Anbieter das Wort „Seminar" inzwischen für alles verwenden. Ich sortiere das seit einiger Zeit nach einem einfachen Kriterium: Gibt es einen Zeitpunkt, zu dem jemand live vor einer Kamera sitzt und Sie Fragen stellen können?
Live, aufgezeichnet, Selbstlernkurs: drei verschiedene Dinge
Ein echtes Live-Online-Seminar hat einen Termin. Sie stehen morgens auf, weil um neun Uhr der Raum aufgemacht wird. Das klingt banal, ist aber der ganze Punkt. Die Verbindlichkeit erzeugt eine andere Verbindlichkeit als ein Videokurs, den Sie „irgendwann diese Woche" schauen wollen.
Daneben existieren:
- Webinar — meist kürzer, oft ein Vortragsformat mit Chat, häufig als Marketinginstrument eingesetzt
- Aufgezeichnete Seminare — Sie schauen später, stellen aber niemals eine Frage
- Selbstlernkurse mit eTraining — kein Termin, kein Moderator, nur Sie und ein Fortschrittsbalken, der Sie anlügt
- und dann noch das Blended Learning, bei dem sich beides mischt und die meisten Anbieter selbst nicht mehr durchblicken
Ist ein Webinar dasselbe wie ein Online-Seminar?
Nicht ganz. Ein Webinar ist in der Praxis meist eine Einbahnstraße: einer redet, viele hören zu, am Ende vielleicht fünf Minuten Fragen. Ein Seminar lebt von Interaktion über die volle Laufzeit. Wenn ein Anbieter beides synonym verwendet, ist das ein erstes Warnsignal dafür, dass er sich über das didaktische Konzept keine großen Gedanken gemacht hat.
Online-Seminar: wie funktioniert das eigentlich technisch?
Ehrlich gesagt ist der technische Teil der langweiligste und der, über den am meisten unnötig diskutiert wird. Sie brauchen kein Studio. Sie brauchen eine stabile Verbindung, ein Headset und die Bereitschaft, Ihr Mikrofon stumm zu schalten, wenn der Hund bellt.
Womit Sie tatsächlich rechnen müssen
Die Plattform ist fast immer eine der üblichen: Zoom, Teams, manchmal Webex oder ein Moodle-basiertes System. Vorher kommt ein Link per Mail, manchmal zwei Stunden vorher, manchmal drei Minuten vorher. In dieser Spanne entscheidet sich, ob der Abend ruhig wird oder chaotisch.
- Link prüfen — nicht erst um Punkt neun klicken
- Mikrofon und Kamera einmal testen, bevor es losgeht
- Rechner oder Tablet statt Handy, weil geteilte Bildschirminhalte auf einem Handy unlesbar sind
- Notizblock daneben legen. Klingt altmodisch, ich mache es trotzdem jedes Mal
- Falls Untertitel oder Transkription angeboten werden: einschalten. Nicht nur für Menschen mit Hörbeeinträchtigung, auch für alle, die in einer lauten Wohnung sitzen
Die unsichtbare Grenze liegt bei etwa neunzig Minuten
Wenn ich Seminare selbst gebe, merke ich es immer am selben Punkt: nach ungefähr neunzig Minuten fällt die Chat-Aktivität ab. Nicht bei allen gleichzeitig, aber deutlich. Das liegt nicht an den Inhalten. Es liegt daran, dass ein Bildschirm keine Pausen macht. Im Präsenzseminar steht jemand auf, holt sich Kaffee, kommt zurück, und der Kopf sortiert in diesen drei Minuten mehr, als Sie ihm mit einer geplanten Gruppenarbeit je geben können.
Gute Anbieter arbeiten mit diesem Wissen. Schlechte ziehen drei Stunden ohne Unterbrechung durch und wundern sich über die Bewertungen.
Online-Seminare kostenlos: was steckt dahinter?
Es gibt sie, und zwar in Mengen. Ein kostenloses Online-Seminar ist in den meisten Fällen ein Vertriebsinstrument. Der Anbieter will nicht an der Veranstaltung verdienen, sondern an dem, was danach kommt: der Weiterbildung, dem Buch, dem Coachingspaket, dem Abonnement.
Ich habe über Monate hinweg an einer Handvoll solcher Termine teilgenommen, einfach um zu sehen, was passiert. Das Muster war erstaunlich stabil:
- Die ersten vierzig Minuten sind inhaltlich wirklich gut. Das muss so sein, sonst bleibt niemand
- Danach kommt die eigentliche Botschaft, und die lässt sich in einem Satz zusammenfassen
- Gegen Ende wird ein Rabatt eingeblendet, der „nur heute" gilt — und den man zwei Wochen später immer noch bekommt
Kurz gesagt: Das ist kein Betrug. Es ist ein Verkaufsmodell, das funktioniert, weil es ehrlich gemacht wird. Die Frage ist nur, ob Sie wissen, in welchem Teil Sie gerade sitzen.
Führungskräfte-Seminare online und kostenlos — lohnt sich das?
Für Führungskräfte finde ich die kostenlose Variante besonders heikel. Ein echtes Führungstraining lebt davon, dass Sie in einer kleinen Gruppe Ihr eigenes Verhalten spiegeln. In einem kostenlosen Format mit zweihundert Teilnehmenden passiert das nicht. Da hören Sie einen guten Impulsvortrag, gehen mit einem Zettel voller Notizen raus und drei Tage später ist nichts davon angekommen.
Ich habe beides gemacht. Der Impulsvortrag war unterhaltsam. Die kleine Gruppe, in der ich mit fünf anderen ein echtes Gespräch geführt habe, hat mich tatsächlich verändert. Der Unterschied liegt nicht im Preis. Er liegt in der Gruppengröße.
Online-Seminare mit Zertifikat: Wert oder Papier?
Hier muss ich Ihnen ein bisschen die Luft rauslassen. Die überwiegende Mehrheit dessen, was im deutschen Weiterbildungsmarkt als Zertifikat verkauft wird, ist eine Teilnahmebescheinigung. Sie bestätigt, dass Sie da waren. Nicht, dass Sie etwas können.
| Art des Abschlusses | Was geprüft wird | Was es tatsächlich aussagt |
|---|---|---|
| Teilnahmebestätigung | Ihre Anwesenheit | Sie sind namentlich eingeloggt gewesen |
| Zertifikat nach Abschlussprüfung | Ihr Wissen | Sie haben ein definiertes Niveau erreicht |
| Zertifikat eines Verbands oder einer akkreditierten Stelle | Inhalt und Prüfungsstandard | Der Anbieter selbst wurde geprüft |
Wenn Sie ein Zertifikat für den Lebenslauf brauchen, schauen Sie nach der dritten Zeile. Alles andere ist eine Erinnerung an einen schönen Nachmittag.
Online seminar schreibweise: wie schreibt man das denn nun?
Die kurze Antwort: Alle Varianten sind üblich, aber nicht alle sind korrekt. Die Duden-Konvention verlangt den Bindestrich bei Zusammensetzungen mit „Online": also Online-Seminar. Die zusammengeschriebene Form „Onlineseminar" ist ebenfalls zulässig und wird von vielen Verlagen bevorzugt. Die getrennte Schreibweise „Online Seminar" ist streng genommen falsch, begegnet Ihnen aber auf wirklich jeder zweiten Weiterbildungsseite.
Für Ihre eigene Bewerbung: Nehmen Sie die Bindestrich-Variante. Sie ist die sicherste Wahl.
Online oder Präsenz? Die Frage stellen sich alle falsch
Die Diskussion wird fast immer als Entweder-oder geführt, und das ist mein Hauptkritikpunkt an der ganzen Debatte. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren an beiden Formen teilgenommen, und die eigentlich interessante Erkenntnis war nicht, welche besser ist. Sondern, dass es auf die Art des Lernziels ankommt.
- Faktenwissen — online ist überlegen, weil Sie pausieren, zurückspulen und wiederholen können
- Handwerkliche Fähigkeiten — online funktioniert erstaunlich gut, wenn die Kamera auf die Hände gerichtet ist
- Verhalten ändern, sich selbst reflektieren — hier verliert das Format fast immer, weil das Bildschirmfenster eine Bequemlichkeitsschicht einzieht, die ehrliche Gespräche erschwert
- und dann gibt es noch die Netzwerkkomponente, die ich persönlich für den größten Verlust halte und über die am wenigsten gesprochen wird
Ich habe in Präsenzseminaren Menschen kennengelernt, mit denen ich heute zusammenarbeite. Online ist mir das genau einmal passiert.
Eine Sache, die ich am eigenen Leib gelernt habe
Mein teuerstes Online-Seminar war nicht das teuerste. Es war das, bei dem ich mich für zwölf Stunden über drei Wochen angemeldet habe und nach dem dritten Termin aufgehört habe, die Kamera einzuschalten. Kein Anbieter der Welt kann etwas gegen einen Teilnehmenden tun, der innerlich schon ausgestiegen ist.
Das Format ist nicht das Problem. Die Erwartung ist es. Wenn Sie sich für ein Online-Seminar anmelden und erwarten, dass es Sie genauso packt wie ein Raum voller Leute, werden Sie enttäuscht. Wenn Sie es als das nehmen, was es ist — ein konzentrierter, oft erstaunlich dichter Lernblock, den Sie selbst aktiv halten müssen — dann ist es in vielen Fällen die bessere Wahl.
Und wenn Sie das nächste Mal eine Einladung zu einem kostenlosen Seminar bekommen: Gehen Sie hin. Aber stellen Sie sich vorher die eine Frage, die ich mir heute immer stelle. Was genau will diese Person, dass ich nach der Veranstaltung tue?